Massenvernichtungswaffen

Als Massenvernichtungswaffen werden Waffen oder Waffensysteme bezeichnet, die wesentlich mehr und vor allem zivile Opfer bei ihrem Einsatz fordern, als dies bei so genannten konventionellen Waffen wie Bomben, Granaten usw. zu erwarten ist. Als Massenvernichtungswaffen gelten Atomwaffen, biologische Waffen und chemische Waffen (ABC-Waffen).

Chemische Waffen

Chemische Waffen sind künstlich hergestellte Giftstoffe, die gezielt als Waffen gegen einen Kriegsgegner entwickelt und hergestellt werden. Sie gehören zu den ABC-Waffen.

Einsätze von chemischen Waffen

Der erste Einsatz von chemischen Waffen fand im 1. Weltkrieg [UU1] am 22. April 1915 statt, als deutsche Truppen 150 Tonnen Chlorgas aus Flaschen entweichen ließen. Da Chlor schwerer ist als Luft, sank es nach unten in die französischen Schützengräben und forderte dort rund 5000 Tote und 10.000 Verletzte. Bald darauf wurden chemische Kampfstoffe auch von der Gegenseite eingesetzt. Später wurden die Kampfstoffe durch Giftgasgranaten verschossen, bei denen durch farbige Kreuze erkennbar war, welche Art von Kampfstoff sie enthielten. Chemische Waffen verursachten im 1. Weltkrieg insgesamt etwa 100.000 Tote und 1,2 Millionen Verwundete auf beiden Seiten.

Am 17. Juni 1925 wurde das Genfer Protokoll unterzeichnet, das den Einsatz von chemischen Waffen untersagt. Trotzdem setzten sowohl Italien in Abessinien, dem heutigen Äthiopien (1936) als auch Japan in China diese Waffen ein. Im 2. Weltkrieg wurden keine chemischen Kampfstoffe eingesetzt, vermutlich aus Angst davor, dass der Gegner sie dann ebenfalls einsetzen würde.

Die USA versprühten im Vietnamkrieg große Mengen an Entlaubungsmitteln (Agent Orange), die eigentlich zwar bewirken sollten, dass Wälder durch den Verlust der Blätter nicht mehr als Versteck des Vietcong dienen konnten, trotzdem aber Langzeitfolgeschäden bei der Bevölkerung auslösten.

In den 80er Jahren setzte der Irak Chemiewaffen sowohl gegen die eigene kurdische Bevölkerung als auch im iranisch-irakischen Krieg gegen den Iran ein.

Insgesamt sind rund 30 Kriege dokumentiert, in denen seit 1925 chemische Waffen eingesetzt wurden.

Arten von chemischen Kampfstoffen

Anwendung

Während chemische Waffen zur Kriegsführung zwischen den Staaten entwickelt wurden und dafür inzwischen geächtet sind, werden sie (hauptsächlich Reizkampfstoffe) weiterhin zur "Demonstrationsführung" innerhalb der Staaten, so auch in Deutschland, eingesetzt.

Nervengas VX

Das Nervengas VX ist eine farblose bis gelbliche Flüssigkeit. Sie riecht nach verfaultem Fisch. Schon etwa ein 300 Millionstel Gramm wirkt tödlich. Das Gift dringt über die Haut, die Augen und die Atemwege in den Körper ein und verursacht zuerst Husten und Übelkeit. Dann lähmt es die Atemmuskulatur und führt innerhalb weniger Minuten unter furchtbaren Krämpfen und Schmerzen zum Tod.

Zwischen den unzähligen Nervenzellen (Axonen) im Menschen werden durch die Hilfe chemischer Botenstoffe, den so genannten Neurotransmittern blitzschnelle Reize übermittelt. Wird von einer Nervenzelle ein Botenstoff ausgeschüttet, wird er von der nächsten Zelle erkannt und sofort weitergeleitet. Der Botenstoff wird dann von einem Enzym zerlegt, damit ein neuer Reiz folgen kann. Die Dauer für diesen Vorgang beträgt nur ungefähr 2/1000 Sekunden. Durch VX wird aber das Enzym zum Abbau des Botenstoffes blockiert, was zu einem Dauerreiz mit tödlichen Folgen führt.

Weil das Gift in erster Linie durch die Haut aufgenommen wird, bietet eine Gasmaske allein keinen Schutz. Dazu ist ein kompletter Schutzanzug erforderlich. Somit gibt es auch keinen wirksamen Schutz von Zivilisten gegen das Gift. Atropin ist das beste Gegenmittel. Nach dem Einsatz in einer Region verliert das Nervengas erst nach mehreren Wochen seine Wirkkraft.

Die chemische Waffe VX ist wesentlich giftiger als Sarin, Soman oder Tabun. Biologische Waffen können jedoch noch viel giftiger sein. Das Botulinum-Toxin zum Beispiel ist etwa zehntausendmal so giftig wie das Nervengas VX.

SARIN

Sarin ist eines der drei so genannten chemischen G-Kampfstoffe (G von Germany), die während des Krieges in Deutschland als chemische Substanzen entwickelt und hergestellt wurden. Neben dem Sarin gehören noch das Tabun und Soman zu diesen Stoffen. Tabun wurde von dem deutschen Chemiker Dr. Gerhard Schrader bei der Erforschung von Phosphorverbindungen zum Einsatz als Insektenvernichtungsmittel für den Chemiekonzern IG-Farben als erstes der chemischen Nerven-Kampfstoffe Ende 1936 entdeckt und synthetisiert. Seinen Namen erhielt das Sarin von Schrader zu "Ehren" der vier insgesamt an der Synthetisierung beteiligten Wissenschaftler: Schrader, Ambros, Rüdiger und von der Linde. Obwohl Schrader die tabunähnliche Substanz Sarin bereits 1939 entdeckt hatte, wurde erst 1944 eine militärische Nutzung von Sarin ernsthaft ins Auge

SOMAN

Soman ist eines der drei so genannten G-Stoffe (G von Germany), die während des Krieges in Deutschland als chemische Kampfstoffe entwickelt und hergestellt wurden. Es gehört zu den Phosphorsäureestern. Neben dem Sarin, gehört noch das Tabun zu diesen Stoffen. Obwohl derartige Substanzen seit über 100 Jahren bekannt waren, wurde ihre extreme Giftigkeit für Warmblüter, also auch den Menschen, erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts durch den Chemiker          G. Schrader bei der Erforschung dieser Verbindungen als Insektizid für den Chemiekonzern IG-Farben entdeckt

Es wurde vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland bei der Forschung nach Insektenschutzmitteln entdeckt, aber nicht eingesetzt. Das Gift kann mit geringem Kostenaufwand in einer Produktionsanlage für Pflanzenschutzmittel hergestellt werden.

Saddam Hussein setzte 1998 VX im Nordirak beim Anschlag auf die kurdische Stadt Halabdscha gegen die eigene Bevölkerung ein. Nach einem Bericht des Internationalen Instituts für Strategische Studien könnte der Irak noch mehrere hundert Tonnen des Kampfstoffes versteckt haben.

Das Nervengas wurde bis zur Unterzeichnung der Chemiewaffen-Konvention 1997 auch von den USA und den Streitkräften der ehemaligen Sowjetunion produziert. Darin wird die Zerstörung aller Vorräte verlangt.

Biologische Waffen

Biologische Waffen sind Massenvernichtungswaffen, bei denen Krankheitserreger gezielt als Waffe eingesetzt werden. Sie gehören zu den ABC-Waffen.

Biologische Waffen sind keine moderne Erfindung. Schon in der Antike wurden Brunnen durch Tierkadaver verseucht. Im Mittelalter wurden vereinzelt Pestopfer mit Katapulten in die gegnerischen Reihen geschleudert, so z.B. 1346 von den Tataren bei der Belagerung der Stadt Kaffa auf der Krim. Später verschenkten die Briten in mindestens einem Fall Decken, die mit Pocken infiziert waren, an die amerikanischen Ureinwohner ("Indianer").

Nach der Entdeckung von Bakterien und Viren als Ursache von Krankheiten, konnte im 20. Jahrhundert gezielter geforscht werden. Bereits im 1. Weltkrieg versuchten deutsche Agenten, bei den Kriegsgegnern Tierseuchen durch Milzbrand- und Rotzerreger auszulösen. Während des 2. Weltkriegs wurde gezielt Versuche mit Krankheitserregern unternommen, um sie als Waffe weiterzuentwickeln. So wurde die schottische Insel Guignard insbesondere mit Milzbrandsporen verseucht, wodurch es bis heute lebensgefährlich und daher verboten ist, sie zu betreten. Japan ging dabei am weitesten und führte nicht nur Versuche mit chinesischen Kriegsgefangenen durch, sondern warf auch 1942 mit Pest infizierte Flöhe über China ab. Da dadurch aber auch eine Epidemie in den eigenen Reihen ausgelöst wurde, stellte Japan den weiteren Einsatz ein.
Andere Krankheiten, an denen zum Zwecke des Waffeneinsatzes geforscht wurde, sind Pocken, Cholera, Hasenpest, Q-Fieber, Botulinus und Typhus.

Eine Meldung aus dem Jahr 1950, von der damaligen DDR lanciert, wonach die damals in der DDR grassierende Kartoffelkäferplage durch den massenhaften Abwurf von speziell gezüchteten "Colorado-Käfern" durch die Amerikaner ausgelöst worden sein sollte, erwies sich als Propaganda.

Heute sind Herstellung und Besitz von biologischen Waffen durch die Biological and Toxin Weapons Convention (BTWC) (beschlossen 1972, von 143 Staaten ratifiziert und in Kraft getreten 1975) weltweit verboten. Die Forschung an Gegenmaßnahmen ist jedoch erlaubt und bietet ein Schlupfloch, da hierfür ebenfalls Krankheitserreger gezüchtet werden müssen.

Biologische Waffen gelten heute hauptsächlich als geeignete Massenvernichtungswaffen für Terroristen. Für den militärischen Einsatz gelten Biowaffen heute als zu unberechenbar. Durch die Gentechnik könnte es aber möglich sein, Krankheitserreger zu entwickeln, die nur für Menschen mit bestimmten Genen gefährlich wären, insbesondere Gene, die nur oder hauptsächlich in einer bestimmten Region vorkommen. Dadurch könnten eigene Truppen vor der Krankheit geschützt sein, was biologische Waffen auch für die Militärs wieder interssant machen könnte.

Eric Tainton     April 2003